Interview: Es gibt noch viel Potenzial im deutschen CAFM-Markt

Jörg Hossenfelder, Geschäftsführender Gesellschafter Lünendonk

Jörg Hossenfelder, Geschäftsführender Gesellschafter Lünendonk


(cafm-news) – Mit Listen und Studien zum Wirtschaftszweig Facility Management hat sich das Marktforschungsunternehmen Lünendonk einen Namen als kundiger Marktbeobacher gemacht. Davon zeugt auch die gerade erschienene Studie Führende Facility-Service-Unternehmen in Deutschland, die unter anderem die Bedeutung von CAFM und mobilen Lösungen für das Facility Management herausarbeitet. Grund genug, Jörg Hossenfelder, Geschäftsführender Gesellschafter und verantwortlich für das Marktsegment FM bei Lünendonk, nach seiner Wahrnehmung des deutschen CAFM-Marktes zu fragen.


CAFM-News: Herr Hossenfelder, wie nehmen Sie den CAFM-Markt in Deutschland aktuell wahr?

Jörg Hossenfelder: Der CAFM-Markt in Deutschland ist jung und wächst stetig. Dabei erweist sich CAFM per se als komplexes Thema, bei dem die sehr unterschiedlichen Nutzungs-Szenarien und Anforderungen beim Kunden eine wesentliche Rolle spielen – zum Beispiel FM-Beratung, IT- und Energieplanung. Die Themen, die hiermit verbunden sind, gibt es natürlich schon länger auf dem Markt, nur als Branche ist CAFM in Deutschland dennoch sehr jung.


Wo sehen Sie die Branche als eine junge Branche besonders gefordert?

Hossenfelder: Es gibt mehrere Punkte, die wichtig sind. Dazu gehören der einheitliche Auftritt, die Bildung von Standards und natürlich Verbänden. Bei der Verbandsarbeit ist der Markt mit der GEFMA schon recht weit, ein Stück weit auch was Differenzierung und Skalierung betrifft. Und die ersten FM-Unternehmen haben inzwischen eine ansprechende Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und koordinieren Marketing und Sales. Hier gibt es aber noch viel Potenzial.


Ist der CAFM-Markt für einen Außenstehenden und damit für potenzielle Kunden transparent genug?

Hossenfelder: Man muss sich immer vor Augen halten, dass der CAFM-Markt noch ganz am Anfang steht. Es gibt allererste Ansätze, die aber recht jung sind. Dazu zählen die Initiativen des CAFM-Rings und des Arbeitskreises CAFM der Gefma. Und dazu gehört die erste Studie von Gefma und TU Darmstadt, die 2013 vorgestellt wurde. Das sind erste wichtige Ansätze. Als Entscheidungsgrundlage sind für Kunden vor allem aber auch Standards wichtig, die erst noch definiert werden müssen. Sie sind deshalb wichtig, weil sie die Produkte untereinander vergleichbar machen. Ohne Standards ist es für Außenstehende schwer, die einzelnen Anbieter, Ihre Software und deren einzelnen Module zu vergleichen. Schauen wir uns andere Länder an, wie beispielsweise die USA, dann ist man dort schon viel weiter. Wie gesagt, gibt es auch hier schon erste Ansätze, aber sie müssen noch weiter getrieben werden.


Was müsste noch getan werden, damit die Kunden den Markt und sein Potenzial wahrnehmen und auch mit den Produkten zufriedener werden?

Hossenfelder: Der Erfolg von CAFM ist nicht von einer zu geringen Kunden-Zufriedenheit abhängig – 80 Prozent der Kunden sind bereits zufrieden oder sehr zufrieden mit ihren CAFM-Lösungen, so ein Ergebnis der vorhin erwähnten Studie. Vielmehr geht es darum, im Markt gemeinsam den Nutzen von Software und Beratung zu kommunizieren, zu zeigen, wie IT-Landschaften innerhalb der Kundenunternehmen eingebunden werden und zu benennen, welche CAFM-Software welche Facetten abdeckt und somit größtmöglichen Nutzen bietet.


Mangelt es dem Markt an Trennschärfe?

Hossenfelder: Eine hohe Trennschärfe der Unternehmen untereinander ist im DACH-Markt noch nicht gegeben. Jeder Kunde ist gezwungen, sich selber ein Bild machen, welche Software und Module für ihn sinnvoll sind. Man muss ja bedenken, dass die CAFM Software in der Regel im Zusammenspiel mit anderer Unternehmens-IT bis hin zu Controlling-Software läuft. Entsprechend entscheiden mehrere Personen im Unternehmen über das Investment, neben den Facility Managern auch der Einkauf und die IT-Abteilung. Der Entscheidungsweg beim Kunden führt somit über mehrere Schnittstellen, die gleichwertig informiert sein müssen. Insofern können gemeinsame Standards und Marktübersichten viel für die Branche und auch für das jeweils eigene Unternehmen tun.


Es gibt schon seit Jahren die Marktübersicht CAFM-Software von Facility Manager, Valteq und GEFMA. Ist die denn nicht ausreichend?

Hossenfelder: Die Marktübersicht CAFM-Software gibt einen ersten guten Überblick über den Markt, bietet aber keinen vollständige Marktübersicht. Denn Unternehmen, die sich nicht beteiligen, sind hier nicht sichtbar. Die Marktübersicht zeigt mir zwar, welche Produkte und Module jeweils in eine Software integriert sind, aber ich sehe nicht, welche Schwerpunkte das Unternehmen bietet. Das ist in einer Übersicht wie dem Gartner Magic Quadrant besser dargestellt. Zudem würden einheitliche Standards helfen – hier sind die Marktteilnehmer gefragt.


Was fehlt noch für eine transparente Darstellung des Marktes, wie Lünendonk es beispielsweise handhabt?

Hossenfelder: Ich kann in der Marktübersicht CAFM-Software zwar erkennen, ob der jeweilige Anbieter ein Spezialist ist, aber nicht, ob dieser Spezialist auch in anderen Marktsegmenten bereits Projekte erfolgreich realisiert hat. Wobei dieser Punkt nicht einfach darzustellen ist. Im FM-Markt kann man entsprechende Auswertungen sehr gut über die Pro-Kopf-Umsätze machen. Das ist bei CAFM nicht in dieser Form gegeben.


Was wäre die Alternative?

Hossenfelder: Es wäre sinnvoll, erweiterte Formen der Darstellung zu finden, um eine deutliche Trennschärfe zu erzielen. Es geht ja nicht darum, zwischen gut und nicht so gut zu sortieren, sondern zu zeigen, wer für welche Anforderungen ein Anbieter besonders gut aufgestellt ist. Hierbei sind zwei Aspekte ausschlaggebend:

  1. Die Übersicht muss den Nutzen darstellen.
  2. Die Übersicht muss dem Kunden zeigen, wann es sinnvoll ist, mit einem Unternehmen zu sprechen, und wann nicht.

Das mag dem einen oder anderen Chancen nehmen, wird aber auch neue Chancen geben. Für die Kunden ist eine solche Übersicht dank der höheren Trennschärfe der Unternehmen und ihrer jeweiligen Spezialisierungen aber immer sehr sinnvoll.


Manchen Kunden schreiben bibeldicke Pflichtenhefte und haben eine immens große Erwartung an eine CAFM-Software. Wie viel Service ist durch CAFM-Software tatsächlich möglich?

Hossenfelder: Heutzutage liegt ein relativ starker Fokus auf den Themen Dokumentation, Transparenz von Kosten und Leistungen. Dazu kommen die Planung, die noch ausgebaut werden kann, und die Evaluierung von FM-Dienstleistungen. CAFM soll ja intern wie extern Kosten sparen und Mechanismen in Controlling und Dokumentation einführen. Ein großer Vorteil ist hier beim Thema Flächenmanagement und Flächennutzung zu finden, allein schon weil ich mit der Software unterschiedliche Szenarien durchspielen kann und sehe, mit welchen Kosten zu rechnen ist. Die Evaluierung von Dienstleistungen kann dagegen schwierig werden: Messe ich sie nach Preis? Dann ist es leicht, greift aber zu kurz. Denn weitere Aspekte sind wichtig: Welche Rolle spielen Qualität, Mitarbeiterzufriedenheit, Reaktionszeiten? Will ich das auch integrieren, stößt auch ein CAFM-System an seine Grenzen, wenn es eindimensional ausgerichtet ist.


Was sollte ein System leisten, damit es besonders kostensparend wirken kann?

Hossenfelder: Besonderen Mehrwert erzielt, wer CAFM schon bei der Planung einsetzt – damit sind wir auch bei Architekten, FM-Beratern und Planern. Dieses Thema hat in jedem Fall Potenzial.


Haben die Hersteller hierzulande denn überhaupt genügend Innovationskraft?

Hossenfelder: Der deutsche Immobilienmarkt ist ja eigen und durchaus interessant und mit Märkten wie in den Niederlanden, Großbritannien oder den USA nicht zu vergleichen. Entsprechend bieten sich viele Chancen im deutschen Markt, Innovationen zu generieren, und wir haben in den vergangenen Jahren gesehen, dass wir das einigen der deutschen Hersteller auch zutrauen können. CAFM ist sehr individualisiert, und mit einem Standardprodukt aus anderen Ländern ist es nicht immer einfach, hier erfolgreich zu landen. Von daher ist es sinnvoll und erfolgswichtig, mit eigenen Entwicklungen für diesen spannenden Markt zu arbeiten. Wir haben schlagkräftige Unternehmen im deutschen Markt, die alleine oder mit Partnern diese Lösungen schaffen können.


Wird der Zwang zur Innovation auch zu Konsolidierung führen? In welchem Zeitfenster und Umfang würden Sie solch eine Marktbereinigung erwarten?

Hossenfelder: Einen Aufkauf innerhalb des deutschen Marktes erwarte ich nicht, es ist in meinen Augen ein Wachstumsmarkt, der organisches Wachstum ermöglicht. Wenn es Zusammenschlüsse geben wird, dann höchstens um das Portfolio auszubauen oder Wertschöpfung gemeinsam zu gestalten. Aufgrund der positiven Perspektiven kann ich mir auch vorstellen, dass neue Anbieter entstehen und Dienstleister und Software-Anbieter aus Randbereichen ihre Aktivitäten im CAFM-Markt erweitern oder dort überhaupt erst tätig werden. Wenn das passiert, wird natürlich der Druck für die jetzigen Anbieter größer.


Wie ließe sich der Druck abfangen?

Hossenfelder: Ich denke, dass die ja sehr leistungsfähigen und innovativen deutschen Hersteller schauen müssen, wie es mit den europäischen Märkten aussieht und sich fragen sollten, wie sie im Ausland Partner finden können. Das hat allerdings mehr mit Wachstum und weniger mit Konsolidierung zu tun.


Gibt es einen Player, der in ihren Augen sein Geschäft besonders gut macht, also eine erste Adresse für CAFM-Interessierte darstellen könnte?

Hossenfelder: Wir von Lünendonk schauen aus der Hubschrauber-Perspektive auf den Markt. Wir sagen nicht, wer ist für was im Besonderen geeignet und welcher Kunde sollte mit welchem Anbieter zusammen arbeiten. Dafür gibt es andere Spezialisten.


Wenn Sie ein Fazit ziehen sollten: Was sind die Hausaufgaben der CAFM-Hersteller, damit der Markt noch besser in Schwung kommt?

Hossenfelder: Ich denke, durch Darstellung des Nutzens auf der einen Seite und durch Anwenderbeispiele sowie den Blick über den Tellerrand wie den Markt in den USA auf der anderen Seite. Denn CAFM ist in DACH ein Wachstumsmarkt, und das Wachstum lässt sich intensivieren, wenn Unternehmen die Stärken ihrer Lösungen gemeinsam zeigen und für Transparenz und Trennschärfe sorgen. Für Kunden ist es wichtig, dass sie die einzelnen Stärken und auch die Positionierung der einzelnen Marktplayer sehen. Dazu gehört auch, gemeinsame Standards zu finden und zu setzen. Das ist sehr wichtig.

Mit Jörg Hossenfelder sprach Thomas Semmler




Zur Person: Jörg Hossenfelder ist Kommunikationswissenschaftler und studierte bis 2000 an den Universitäten Mainz und Bologna mit den Schwerpunkten Public Relations, Öffentliche Meinung und Umfrageforschung. Parallel arbeitete er als Freier Journalist bei TV- und Printmedien. Nach seinem Studium beriet er als Kommunikations-Berater Business-to-Business-Unternehmen hinsichtlich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
 2004 übernahm er die Leitung der Research-Abteilung bei der Lünendonk GmbH. Seit Juli 2005 ist Hossenfelder Geschäftsführer und seit 2009 Geschäftsführender Gesellschafter der Lünendonk GmbH, Gesellschaft für Information und Kommunikation mit Sitz in Kaufbeuren.


Abbildungen: Lünendonk

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Eine Antwort

  1. Die Aussage: „Hierbei sind zwei Aspekte ausschlaggebend: 1. Die Übersicht muss den Nutzen darstellen. 2. Die Übersicht muss dem Kunden zeigen, wann es sinnvoll ist, mit einem Unternehmen zu sprechen, und wann nicht.“ ist für mich nicht in Kriterien umsetzbar. Wenn der Autor dazu näheres ausführen könnte, wäre dies sehr hilfreich. Das Thema „Nutzen der IT“ ist meines Wissens noch immer ungelöst, weil bisher niemand die quantitative und die qualitative Seite zusammenführen konnte. Aber vielleicht kennt Herr Hossenfelder da Ergebnisse, die mir unbekannt sind. mfg J.Oelschlegel

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